Was aussieht wie eine Mondstation, ist das wichtigste Observatorium der nördlichen Hemisphäre. WELCOMESPY war wandern im Starlight Reserve auf der Kanareninsel La Palma.

OBSERVATORIO-ROQUE

Werbung. Unbeauftragt. An den höchsten Gipfeln von La Palma gelegen, befindet sich das wichtigste Observatorium der nördlichen Hemisphäre mit seinen riesigen Teleskopen. Die zum Instituto de Astrofísica de Canarias gehörende Sternwarte ist ein europäisches Gemeinschaftsprojekt, das einen der klarsten Himmel der Welt für den Blick in ferne Galaxien, zur Beobachtung der Sonne und für die Gammastrahlenforschung nutzt. Die westlichste der Kanareninseln ist daher auch offiziell als „Starlight Reserve“ geschützt. Auf La Palma wird extrem darauf geachtet, die Luft- und Lichtverschmutzung so gering wie möglich zu halten. Angenehmer Nebeneffekt: wenig Tourismus, gesunde Luft, viel Weitblick.

Wandern im Starlight Reserve

STARLIGHT-RESERVE

Seit der offiziellen Eröffnung im Jahr 1985 haben viele Staatsoberhäupter und Wissenschaftler diesen Ort besucht. Auch Steven Hawking war hier zu Gast. Für Touristen gibt es (sehr begehrte) Führungen. Eine rechtzeitige Anmeldung ist erforderlich und man benötigt unbedingt einen Mietwagen, um auf den Roque de Los Muchachos zu gelangen. Dann braucht man noch etwas Glück, dass die einzige Straße auf den Berg nicht gerade wegen Steinschlags oder Eises gesperrt ist. Heute passt alles und so kann ich meine Wanderung antreten. Die führt mich vorbei an den auf rund zwei Hektar verteilten Teleskopen mitten durch die Mondlandschaft.

Zwischen Sonne, Eis und stahlblauem Himmel

EISKRISTALLE

Eiskristalle schimmern wie Diamanten in der Sonne: Ich wandere durch die subalpine Vegetationszone (2200 bis 2426 Meter über dem Meeresspiegel). Auf La Palma gibt es übrigens fünf verschiedene Vegetationszonen, was die Insel unglaublich vielfältig für Wanderungen macht. Wegen des geringen Luftdrucks und Sauerstoffmangels wachsen hier oben auf dem „Dach der Insel“ keine Bäume mehr. Es ist die Zone, in der nur noch Hochgebirgsbüsche, Flechten und andere hochangepasste Pflanzen den rauen Bedingungen trotzen.

Blick in die Erdgeschichte

KRATERRAND

Meine Wanderung auf La Palma führt mich auf dem Rand des Kraters entlang zum Gipfel der Insel: Durch schroffe Felslandschaften mache ich mich vom Roque de Los Muchachos (2426 Meter Höhe) auf zum Pico de La Cruz auf 2351 Metern Höhe. Die erste halbe Stunde merke ich die dünne Luft und bin schnell außer Atem. Dann genieße ich den atemberaubenden Blick in den riesigen Nationalpark Caldera de Taburiente, der 1953 gegründet wurde. Der Durchmesser des Kraters beträgt mehr als sieben Kilometer. Wer ihn einmal umrunden möchte, hat 29 Kilometer vor sich. Die Caldera ist übrigens kein Krater, der aus einer vulkanischen Eruption hervorgegangen ist. Vielmehr schaue ich in einen Erosions- bzw. Senkkrater hinunter. Einer der größten der Welt, der vor 1,2 Millionen Jahren aus einem gewaltigen Erdrutsch hervorging.

Im Land des Wolkenwasserfalls

RABE-PICO-DE-LA-CRUZ

Während der Wanderung kann man bei gutem Wetter nicht nur ganz La Palma sehen, sondern auch die drei benachbarten Inseln Teneriffa in 85, El Hierro in 65 und La Gomera in 50 Kilometern Entfernung. Wenn das Wetter stimmt, zeigt sich auch das sogenannte Wolkenmeer auf der Nordostseite der Insel: Es bildet sich aus Passatwindwolken auf einer maximalen Höhe von 1400 Metern über dem Meeresspiegel. Der einzige Ort, an dem das „Wolkenmeer“ auf die Westseite der Insel gelangen kann, ist der unterste Teil der Gebirgskette im Zentrum der Insel. Die hier eintreffende kalte Luft sinkt ab und schafft ein optisches Phänomen, das auf La Palma „Wolkenwasserfall“ genannt wird. Das lässt Raúl, den Raben, übrigens völlig unbeeindruckt. Er verfolgt mich auf der Wanderung fast ganz unauffällig. Dabei bin ich hier doch der Spion! Am Aussichtspunkt posiert er dann artig fürs Foto. Und freut sich über einen kleinen Snack aus meinem Rucksack.

Fünf Vegetationszonen, fünf Welten

VEGETATION-KUESTE

Erschöpft und glücklich mache ich mich auf den Heimweg. Der gleicht einer Achterbahnfahrt und ich werde im Bus ein bisschen seekrank. Die Serpentinenstraße vom Roque de Los Muchachos zurück zur Nordostseite der Insel macht ganze 443 Kurven! Kein Wunder, denn im Vergleich zu ihrer Grundfläche ist La Palma die steilste Insel der Welt. Auf der schaukeligen Fahrt zurück passieren wir die anderen vier Vegetationszonen, die man auf La Palma findet: Auf 2200 bis 1200 Metern ist der Lebensraum der kanarischen Kiefer (Pinus Cananiensis). Der Baum versorgt die Insel mit Wasser, indem er Kondenstropfen aus den Wolken aufnimmt und in den Boden leitet. Er „melkt“ quasi die Wolken. Zudem ist er durch seine extrem dicke Rinde vor Waldbränden weitestgehend geschützt. Auf 1200 bis 600 Metern herrscht auf La Palma ein Mischwald vor, der hauptsächlich aus Baumheide, verschiedenen Lorbeerarten und Kiefern besteht. Die Wachstumsbedingungen sind wegen des Wasserüberschusses bei starken Regenfällen in den Wintermonaten und Kondensation (des sogenannten horizontalen Regens) während des ganzen Jahres ideal. Das Gebiet auf einer Höhe von 600 bis 300 Metern steht unter dem Einfluss der Nordostwinde. Wegen des fruchtbaren Bodens ließen sich die ersten Siedler vorwiegend hier nieder. Noch heute findet man hier den größten Teil der Inselinfrastruktur.

Zwischenstopp in Santa Cruz

SANTA-CRUZ

Auf dem Weg zu meinem Ausgangsort Los Cancajos auf der wilden Ostseite der Insel durchfahre ich die Hauptstadt Santa Cruz mit ihrer Architektur, die teilweise noch aus den Zeiten der großen Seefahrer stammt. Mit 17000 Einwohnern ist die Kleinstadt angenehm überschaubar. Gemütliche Café und Restaurants mit Blick auf den Hafen laden zum Verweilen und kleine Geschäfte zum Stöbern ein. Besonders typisch sind die üppig bepflanzten Balkone. In der alten Markthalle im Herzen der Stadt kann man nicht nur frisches Obst, Gemüse und traditionelle Lebensmittel wie Mandelkekse, Gofio (geröstetes Roggenmehl – sehr gewöhnungsbedürftig!) oder Käse kaufen, sondern auch frisch gepressten Zuckerrohrsaft genießen. Der schmeckt wirklich fantastisch und wird pur oder gemischt mit Maracuja, Orange oder Zitrone angeboten. Mir schmeckt er mit Zitrone am besten – sooo erfrischend! Die Stadt Santa Cruz wurde übrigens am 3. Mai 1493, dem „Tag des Heiligen Kreuzes“, gegründet und erhielt daher ihren Namen.

Lavagestein und schwarze Strände

Die Inselhauptstadt Santa Cruz erinnert an Lateinamerika.

Die niedrigste Vegetationszone zwischen 300 Metern und dem Meeresspiegel ist auf La Palma sehr trocken. Eigentlich wachsen hier hauptsächlich wasserspeichernde, dickblättrige Pflanzen wie Kakteenarten oder Agaven. Diese Zone wird jedoch, gerade im sonnigen Süden und Westen der Insel, exzessiv für den Anbau von Bananen genutzt. Die Früchte haben bis zur Ernte einen enormen Wasserverbrauch von über 400 Litern pro Kilo und müssen künstlich bewässert werden.

Inseldyll im tosenden Atlantik

LOS-CANCAJOS1

Angekommen in Los Cancajos, einem kleinen, ruhigen Ort zwischen Inselhauptstadt und Flughafen. Hier braust der Atlantik mit aller Kraft gegen die Felsen. An der Playa de Los Cancajos kann man dagegen gut baden. Das mache ich morgen, denn heute war ich ja schon auf dem Mond.

Du magst Offroad-Abenteuer? Dann schau dir doch mal an, wie WELCOMESPY die „Berge“ vor der Haustür mit dem Jeep bezwingt.

Vielen Dank an Wanderführer Peter von Natourtravel, der mir bei der Erstellung dieses Beitrags mit seiner Expertise zur Seite stand.

Fotos: Anna Stella Bonin

Weitere Impressionen von La Palma

4 Kommentare
  1. constanze chryssos says:

    liebe anna, erst heute komme ich dazu, deinen reisebericht zu lesen. grandios!! eine urstromlandschaft,wild und zerklüftet wie im entstehungsprozess, lesens- und wissenswert, auch die unterschriften unter den fotos prima! möchte sofort hinfliegen! der selbstbewusste rabe, hüter der weisheit und bewahrer uralter geheimnisse, die kakteen, ein winkender und ein paar, das sich unterhält, das zuckerrohr…. toll! das observatorium konntest du nicht von innen sehen? und den himmel von drinnen nach draußen? gab es eine schwimmmöglichkeit? vielen dank für diesen interessanten beitrag !

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    • Anna Stella Bonin says:

      Das Observatorium kann man besuchen, habe ich aber diesmal nicht gemacht, sondern eine Wanderung drumherum. Bademöglichkeiten in geschützten Buchten, an weitläufigen Stränden oder sogar in Naturpools (im Nord-Westen der Insel) gibt es auf La Palma viele. Danke für deinen Kommentar. 🙂

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  2. Milena says:

    Lieber WelcomeSpy, wieder ein mega guter Artikel. Ich liebe deine Art zu schreiben – wirklich unterhaltsam und extrem informativ.
    Dieser Beitrag gehört zu meinen Favoriten. Du hast es drauf, einen so richtig ins schwärmen zu bringen.
    Danke für diesen fantastischen Beitrag. Der nächste Urlaub geht dann wohl nach La Palma, aaariiibaaaaa!

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